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Judaica

Judaica-Forschung im Seminarzentrum Gut Junkernhof

In der fertig renovierten Remise des Junkernhofs wird auch die Geschichte dieses besonderen Ortes vielfältig präsent sein. Neben den orts- und familienhistorischen Anknüpfungspunkten kommen dabei der jüdischen Geschichte und Kultur eine besondere Bedeutung zu. Da die Familie Wolff von Gudenberg seit dem 14. Jahrhundert nicht ganz uneigennützig das vom Mainzer Erzbischof verliehene „Judenschutzrecht“ ausübte, lebten bis zu ihrer erzwungenen Flucht oder Ermordung in der Nazi-Zeit die Meimbresser Juden mit ihren evangelischen Mitbewohnern in einer engen Dorfgemeinschaft zusammen.

1872 waren fast 20% der Einwohnerschaft jüdisch. Deshalb wurde der Ort im Volksmund zeitweise auch „Klein-Jerusalem“ genannt. Bis heute erinnert der gut erhaltene jüdische Friedhof an diese gemeinsame christlich-jüdische Vergangenheit Meimbressens.

Zu Beginn der 1980er Jahre gelang es dem damaligen Theologiestudenten und heutigen ev. Pfarrer Michael Dorhs aus Hofgeismar, über Suchanzeigen in den beiden deutschsprachigen Emigrantenzeitungen „Aufbau“ (New York) und „Israel Nachrichten“ (Tel Aviv) Kontakte zu den vertriebenen und geflohenen jüdischen Männern und Frauen aus Meimbressen herzustellen. Ihr umfangreiches familiengeschichtliches Wissen floss damals in mehrere Publikationen der neu gegründeten Abteilung „Judaica Hassiaca“ des Stadtmuseums Hofgeismar ein. Angeregt durch diese intensive Forschungstätigkeit suchte Eberhard Wolff von Gudenberg, der Vater des heutigen Besitzers des Junkernhofs, mehr als zwanzig Jahre lang erfolgreich das Gespräch mit den überlebenden und emigrierten Meimbresser Jüdinnen und Juden. Als Zeitzeuge, der in seiner Kindheit noch das enge und gute Zusammenleben mit jüdischen Nachbarn, Freunden und Schulkameraden erlebt hatte, wurde seine ausgestreckte Hand in Israel, Argentinien, der Schweiz und den USA mit großer Offenheit angenommen. Bis heute kommen Nachkommen aus den Meimbresser jüdischen Familien hierher, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen und Ahnenforschung zu betreiben. Eine Gedenktafel erinnert in der Evangelischen Kirche seit 2008 an die Namen der Opfer der Shoah aus Meimbressen. Dass in einer Kirche der Jüdinnen und Juden gedacht wird, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, dürfte im Bereich der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck bis heute singulär sein!

Im Sommer 2019 wurden in einer bewegenden Feier als Initiative des örtlichen Geschichtsvereines auch in Meimbressen die ersten „Stolpersteine“ unter Beteiligung von Nachkommen emigrierter Jüdinnen und Juden aus England und den USA verlegt. Diese maßgeblich von Heinrich Neutze getragene Initiative soll weitergeführt werden, um die Erinnerung an das Schicksal aller jüdischen Familien, die 1933 noch in Meimbressen gelebt hatten, im Dorf wachzuhalten. Dazu ist mit dem Geschichtsverein gerade das anspruchsvolle Vorhaben eines mündlichen Geschichtsprojekts („Oral History“) über die Juden in Meimbressen im 20. Jahrhundert begonnen worden, bei dem die unterschiedlichen Erinnerungen der Meimbresser an ihre jüdischen Nachbarn aufgezeichnet sowie Dokumente und Fotos aus den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gesammelt und später in einem eigenen Ausstellungsraum, in der Remise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Parallel dazu arbeitet Michael Dorhs unter Auswertung der so genannten „Wiedergutmachungsakten“ an der Aufarbeitung der Schicksale von mehr als 70 Jüdinnen und Juden. Geplant ist ein digitales Informationsangebot, das in deutscher und englischer Sprache das vorhandene Wissen über die jüdischen Familien aus Meimbressen niedrigschwellig im Rahmen der Homepage des Junkernhofs weltweit über das Internet zugänglich machen soll. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Hofgeismar und seiner Judaica-Abteilung ist dabei selbstverständlich. So bleibt auch zukünftig dieser besondere Ort mit der jüdischen Geschichte und Kultur des Dorfes und der Region verbunden. Ein im Frühjahr 2022 gegründeter gemeinnütziger Verein hat sich zum Ziel gesetzt, durch historische Forschung und kulturelle Aktivitäten (Lesungen, Konzerte) den Junkernhof zu einem Ort zu machen, an dem die Geschichte der Familie Wolff von Gudenberg und des Dorfes Meimbressen mit dem kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Beitrag seiner jüdischen Familien zur Geschichte der Region sichtbar und erlebbar wird. Dazu können und sollen auch die drei Ferienwohnungen ihren Beitrag leisten, die in der Remise eingerichtet wurden und möglicherweise die Nachfahren jüdischer Familien aus Meimbressen zu einer familiären Spurensuche anregen – ganz in der Tradition der von Eberhard und Marita Wolff von Gudenberg geübten Gastfreundschaft für diejenigen, die in der Nazi-Zeit aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Die Synagoge in Meimbressen 1842-1938

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Zeitdokumente / Bilder

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Herbold Löwenstein mit Schülern
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Yad Vashem 
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Ludi Goldwein 1988 - 3. Besuch in Meimbressen
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Semi Goldwein  -  Besuch in Meimbressen

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